So könnte man das Resultat der letzten Sitzung des Kulturausschusses zusammenfassen. Es standen wie üblich die Themen Bibliothek, Posthof, Archiv, 1000 Jahr-Feier und Pellkartoffelessen auf der Tagesordnung. Der weitere Verlauf sollte dann aber durch eine überraschende Anfrage ungewöhnlich verlaufen. Vielleicht wurde dies bereits unbeabsichtigt durch die subtile Eröffnung der Sitzung durch die Vorsitzende Hedda Freese eingeleitet. Sie zitierte zu Beginn Rilkes Gedicht vom Frühling, der sein blaues Band wieder durch die Lüfte schwingen würde.
Die Sitzung nahm anfangs einen erwartbaren Verlauf. Die Bibliotheksleitung verwahrte sich gegen den Vorwurf, das Bibliothekspersonal mache einfach zu viel blau. Der Bibliotheksleiter stellte klar, dass das Personal nicht blau mache, sondern einfach nicht da sei. In verschiedenen Varianten wurde von allen Fraktionen angefragt bzw. kritisiert, warum und dass noch immer kein auszuführender Plan für Posthof-, Archiv- und Bibliotheksbau vorliege. Dem hielt die Verwaltung wortreich entgegen, dass sie doch seit Jahren der Politik Blaupause nach Blaupause für verschiedene Lösungen dieser Probleme vorgelegt habe. Für die 1000-Jahrfeier und das nächste Pellkartoffelessen deutete die Verwaltung an, sie habe neue große Pläne. Sie wies aber schon mal darauf hin, dass sie nicht das Blaue vom Himmel holen könne.
Dies schien das Stichwort für die einzig anwesende Besucherin gewesen zu sein, die im TOP EinwohnerInnenfragestunde dann folgende Frage bzw. Anregung stellte. Hierzu wurde ihr, da nicht in Nienburg ansässig, extra und einstimmig das Wort erteilt. Sie stellte sich als Frau Professor Blaufuß vor; sie sei Farbphänomenologin und vertrete schwerpunktmäßig das Spezialgebiet der Blau-Phänomenologie.
Kurz gefasst meinte sie, man könne erfahrungsgemäß nicht das Blau vom Himmel holen. Aufgrund ihrer beruflichen Expertise als Farbexpertin und ihrer langjährigen Erfahrung zum bahnbrechenden Einsatz großflächiger Farbinstallationen zur Aufwertung von Gebäuden, Städten oder Landschaften würde sie für Nienburg vorschlagen:
Man sollte zur 1000-Jahrfeier die gesamte Innenstadt im Stile Christos verhüllen. Als Beispiel für die positive bahnbrechende internationale Wirkung einer solchen Aktion erinnerte sie an die Verhüllung des Bundestages in neutral oder die Verpackung des Lago di Iseo in orange. Für Nienburg würde sie eindeutig Blau favorisieren. Sie bot an, der Stadt ein von ihr neu entdecktes Blau hierfür zur Verfügung zu stellen. Sie sei sich sicher, dies würde die nationale oder internationale Aufmerksamkeit auf Nienburg lenken, und die entsprechenden Besucherströme auch.
Diese Anregung wurde vom Gremium kontrovers und eher ablehnend diskutiert. Seitens der SPD wurde vorgetragen, dass dem Blau auf alle Fälle Rot hinzugefügt werden müsste, bevor man überhaupt darüber diskutieren würde. Die so entstehende Farbe wurde dann von der Gleichstellungsbeauftragten begrüßt, aber von der FDP als zu invasiv gendernd abgelehnt. Die Vertreter:innen der Grünen zeigten sich zwar von Grundidee und Farbe sehr angetan, fürchteten aber sofort um die schädlichen Auswirkungen einer Verhüllung auf die Pflanzungen in der Innenstadt. Die AfD war überraschenderweise vom Vorschlag begeistert, entspräche doch Blau ihrer Parteifarbe. Dem widersprachen alle unisono, und attestierten der AfD eine Braun-Blau Farbsehschwäche. Die CDU wiederum hielt das ganze Unterfangen für äußerst blauäugig. Als an diesem Punkt die Debatte mit einer Ablehnung der Anregung beendet schien, brachte die Gruppe Grüne-Linke zur Erinnerung, dass doch die Blaue Garde nicht umsonst sich Blaue Garde nenne. Und diese Vereinigung sei doch für Nienburg sinn- und identitätsstiftend. Dies mag das entscheidende Argument gewesen zu sein, denn dem Antrag:
„Nienburgs Innenstadt soll im Ausmaß des ISEK Gebietes für die 1000-Jahrfeier 2025 komplett blau verhüllt werden“
wurde einstimmig gefolgt.
Die Verwaltung wurde mit der sofortigen Konkretisierung beauftragt. Das Angebot der Besucherin, eine neue blaue Farbe hierfür zur Verfügung zu stellen, soll geprüft und angenommen werden.